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Erfahrungsbericht aus Elternsicht Meine Tochter wurde 1979 geboren. Schon nach wenigen Monaten hatten wir den Verdacht, dass bei ihr eine Hörstörung vorlag, es dauerte jedoch noch fast 2 Jahre, bis nach einer schon fast klassischen Odyssee bei einer Reihe von Fachärzten eine präzise Diagnose feststand: an Taubheit grenzend schwerhörig vermutlich aufgrund einer sehr unauffällig verlaufenen Rötelnembryopathie. Positiv dabei war jedoch, dass sie auf ihrem guten Ohr ein Optimum im Bereich zwischen 500 und 1000 Hertz hat, auf dem anderen Ohr ist sie gehörlos. Wir hatten das Glück, über Dr. Gabriel, HNO-Arzt hier in Göttingen, Kontakt zu unserem Verein zu finden, der uns zunächst einmal vermittelte, dass wir in unserer Situation nicht allein waren; wir fanden hier Hilfe in vielerlei Hinsicht und erhielten vor allem Anregungen, was wir tun konnten. An anderen betroffenen Kindern sahen wir, welche Erfolge erzielt werden konnten, was für uns ungeheuer ermutigend war. Über den Verein erhielten wir auch logopädische und rhythmische Therapie, wobei wir Eltern bewusst einbezogen wurden. Glücklicherweise wurden wir damals nicht mit dem Streit um die sogenannte „bilinguale Erziehung" konfrontiert, wir sahen vielmehr die lautsprachliche Erziehung nach Schmid-Giovannini als einen gangbaren Weg an, den wir natürlich für unsere Bedürfnisse und Fähigkeiten modifizierten; rückblickend möchte ich betonen, dass dies wohl auch die richtige Entscheidung war. In unseren Bemühungen um die lautsprachliche Erziehung wurden wir schon früh ermutigt durch die deutlichen Erfolge, die unsere Tochter erzielte. Die Tatsache, dass die zuständige Sonderschule in Homberg mit angeschlossener Frühförderung recht umständlich zu erreichen war und auch nach den uns vorliegenden Informationen damals eher darauf aus zu sein schien, betroffene Kinder an sich zu binden, ließ schon recht bald den Gedanken aufkommen, uns nach Möglichkeiten der integrativen Erziehung unserer Tochter umzusehen. Aus diesen Gründen suchten und fanden wir auch schließlich einen Kindergarten in Kassel, der bereit war, unsere Tochter ganz „normal" aufzunehmen. Sie war in einer normal großen Gruppe, ohne zusätzliche Betreuung, es ging dort ausgesprochen lebhaft zu, eine Therapie im engeren Sinn fand nicht statt, das war uns von Anfang an klar. Aber sie fühlte sich dort wohl, wurde von den anderen Kindern akzeptiert, die Betreuerinnen signalisierten uns, dass sie sich durchaus mitteilte und an Gesprächen beteiligte. Ich erinnere mich noch, wie sie nach kurzer Zeit zu Hause bei einem Spiel zu mir energisch sagte: „Finger weg!" - ich fand das sehr beeindruckend, genauso wie eine recht ordentliche Liste an Schimpfwörtern - wenn das nicht integrativ war! Die Erfolge im Kindergarten ließen uns als nächstes Ziel die Regel-Grundschule ansteuern. Wir hatten Glück: Die Leiterin der zuständigen Schule war durchaus aufgeschlossen, und wir hatten in Erfahrung bringen können, wer die neue 1. Klasse übernehmen würde; denn nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen als Eltern eines 5 Jahre älteren Sohnes und meiner eigenen Erkenntnisse als Lehrer war uns klar, wie wichtig die Persönlichkeit des Lehrers sein würde. Wie gesagt, das Glück war uns gewogen: eine aufgeschlossene Lehrerin war als Leiterin der zukünftigen 1.Klasse vorgesehen. Sie erklärte sich nach einem längeren Gespräch, in dem sie auch unsere Tochter kennengelernt hatte, bereit, sie in ihre Klasse aufzunehmen, die mit 18 Schülern etwas kleiner als die anderen Klassen sein sollte. Das Staatliche Schulamt gab dann auch noch seinen Segen dazu, so dass sie im Sommer 1986 dort eingeschult wurde. Es ging auch, vor allem dank des Einfühlungsvermögens der Klassenlehrerin, sehr gut, Sarah machte große Fortschritte. Die Abordnung einer Sonderschullehrerin für das 1. und 2. Schuljahr mit einem Deputat von 5 Stunden pro Woche brachte der ganzen Klasse spürbaren Gewinn, die in diesen Stunden in zwei Gruppen aufgeteilt wurde. Im 3. und 4. Schuljahr war diese sonderpädagogische Betreuung nicht mehr möglich, aber inzwischen hatte sich in der zuständigen Sonderschule offensichtlich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Unterstützung von Integrationsmaßnahmen ein wesentlicher Bestandteil der eigenen Aufgaben sein sollte, und unsere Tochter wurde von einem dortigen Betreuungslehrer sehr gut unterstützt, der ausgezeichnet mit den Grundschullehrern kooperierte. Ergänzend muss ich sagen, dass unsere Tochter im Zuge ihrer Sprachanbahnung schon sehr früh lesen gelernt hatte (ein nicht zu unterschätzender Ansatz dazu waren Tagebücher gewesen, bei deren Produktion ich bei mir bis dahin verborgene Zeichentalente zu Tage gefördert hatte). Diese Fertigkeiten brachten ihr natürlich im Unterricht einen gewissen Ausgleich ihres Handikaps. - Bis heute hat sie ihre große Liebe zu Büchern behalten, was ihr einen sehr breit gefächerten Wortschatz verschafft hat – eventuell mit einer Tendenz zu einer manchmal etwas literarisch wirkenden Sprache, aber damit, so meine ich, kann man gut leben. Bei der Frage, was nach der Grundschule kommen sollte, holten wir Rat bei Fachleuten ein: Pädagogen, HNO-Arzt, andere Eltern; Professor Armin Löwe aus Heidelberg, den wir auf Tagungen der Hamburger Bundesgemeinschaft kennengelernt hatten, war bereit, unsere Tochter zu begutachten. Alle ermutigten uns, den integrativen Weg beizubehalten. Das dann Wichtigste war glücklicherweise erfreulich einfach: Die Leiterin des Gymnasiums, an dem ich selbst unterrichte und die Sarah auch von mehreren Gelegenheiten kannte, war gerne bereit, sie aufzunehmen. Natürlich waren deutliche Ängste, Zurückhaltung im Kollegium zu berücksichtigen: Wer von uns hatte denn schon Erfahrungen in der Beschulung Hörgeschädigter? Man wollte, wenn man die Verantwortung übernahm, doch auch nichts falsch machen. Und – ist ein Gymnasium nicht gerade eine Institution, an der Leistung eine herausragende Rolle spielt? Würden nicht die Eltern der Mitschüler darin eine Beeinträchtigung ihrer Kinder sehen? Es gab doch schließlich spezielle Schulen für diese Behinderung. Es war gut, dass die Fragen in einer Gesamtkonferenz ausführlich diskutiert wurden, wobei vornehmlich Überlegungen geäußert wurden, die nach einer möglichen Überforderung der Kollegen und auch des Kindes fragten. Aber schließlich gab .es auch hier grünes Licht, vor allem, nachdem die positiven Erfahrungen der als Gäste anwesenden Grund- und Sonderschullehrer vorgetragen worden waren und man von der Schulleitung die Zusicherung erhalten hatte, dass niemand gegen seinen Willen in der Klasse eingesetzt würde. Wir Eltern hatten immer wieder darauf hingewiesen, dass wir jederzeit bereit sein würden, bei erkennbaren Problemen für unsere Tochter eine Umschulung vorzunehmen. Wir würden nur von Jahr zu Jahr planen – dass in kühnen Träumen die Mittlere Reife oder sogar das Abitur vorkam, wagten wir uns selbst kaum einzugestehen. Im Organisatorischen sagte die Schulleitung zu, die Klasse mit 18 statt der üblichen 31 Schüler deutlich kleiner zu halten. Wände und Boden erhielten einen Textilbelag zur Schalldämmung, und die Mikroportanlage brachten wir mit. Ein Tageslichtschreiber wurde in der Klasse installiert, er wurde jedoch nicht sehr häufig benutzt. Der Einsatz war damals noch nicht so üblich. Auch bei der Sitzordnung wurde auf Sarahs Belange weitgehend Rücksicht genommen. Vor dem Übergang in die Oberstufe wurden alle Lehrer, die unsere Tochter unterrichtet hatten, gebeten, eine Einschätzung ihrer perspektivischen Möglichkeiten zu geben. Es gab eine Reihe von Stimmen, die abrieten, aber mehrheitlich war man der Ansicht, dass sie durchaus Chancen hätte, auch in den folgenden Jahren erfolgreich mitzuarbeiten. Die Wahl der Leistungsfächer in der Oberstufe war nicht einfach, musste doch dabei, viel stärker als bei Normalhörenden, die Persönlichkeit der vorgesehenen Kursleiter berücksichtigt werden. Bald wurde jedoch klar, dass die Anforderungen an die Kommunikationsfähigkeit der Schüler zunahmen, im Unterricht wurde mehr diskutiert. Bis dahin hatte sich die Klasse daran gewöhnt, bei längeren Schülerbeiträgen das Mikrofon der Mikroportanlage weiterzugeben (das hatte sich so eingespielt, dass es vorkommen konnte, dass ein Schüler automatisch auf das Mikrofon wartete, selbst wenn unsere Tochter fehlte), jetzt wurde diese Vorgehensweise als zu schwerfällig und störend empfunden. Und wieder hatten wir Glück: Bei Gesprächen im Zusammenhang mit dem Einbau einer Lautsprecheranlage in der neuen Cafeteria der Schule wurde mit dem Leiter der Elektrofirma, die auch eine Hörgeräte-Abteilung hat, eher zufällig dieses Problem angesprochen, und er entwickelte ein Konzept, das von der Schule umgesetzt wurde: Eine aufwendigere Mikrofonanlage wurde angeschafft, die einen „Quantensprung" im Gesprächsverhalten der Kurse darstellte, wie mir ein begeisterter Lehrer sagte. (Ein Lehrer- und drei Schülermikrofone senden an ein Mischpult, an das die Mikroportanlage angeschlossen ist.) Natürlich ist diese Anlage auch für andere Zwecke einsetzbar (Theateraufführungen, Diskussionen). Wenn ich versuche, in etwa zu beziffern, wieviel meine Tochter von dem mitbekam, was im Unterricht gesagt wurde, dann denke ich, werde ich bei etwa 65% ankommen, trotz der vergleichsweise hervorragenden technischen Hilfen. Der Rest war Kombinationsgabe, Raten und Nacharbeiten, z.T. in den „harten" Fächern auch Nachhilfe. Auch die Schulkameraden spielten im Gesamtrahmen eine wichtige Rolle: Wir hätten uns sehr gewünscht, dass unsere Tochter eine „Busenfreundin" gefunden hätte, wie man das immer wieder bei Mädchen beobachten kann. Dem war nicht so. In der Sekundarstufe l war sie in einer Klasse mit recht individualistischen Mitschülern; sie waren insgesamt nett, durchaus hilfsbereit im Rahmen ihrer Möglichkeiten, aber dabei blieb's. Intensivere Kontakte kamen zu unserem Leidwesen nicht zustande. Das änderte sich auch nicht in der Oberstufe. Unsere Tochter und ich (als Kollege), wir hatten es in diesen Jahren mit sehr unterschiedlichen Lehrern zu tun, die mit weitgehend gutem Willen, aber logischerweise unterschiedlichen pädagogischen Gaben - so sind wir Lehrer nun mal - versuchten, den Anforderungen gerecht zu werden. Da waren die Lockeren, Fröhlich-Coolen. Wenn ich sie vorsichtig (denn fordern darf man nicht!) auf ein Problem ansprach, das u.U. mit ihrem Verhalten, ihrem pädagogischen Ansatz zusammenhing, dann konnte es passieren, dass ich den gutgemeinten Rat erhielt, ich, der Vater, müsste halt stärker auf die Fehler meiner Tochter achten und sie korrigieren. Ich erinnere mich an einen Fall, bei dem eine Liste von Begriffen diktiert worden war und sie einige sinnlose Wortbildungen verstanden und niedergeschrieben hatte, die sogar zum Lachen reizten, so skurril wirkten sie. Der betreffende Kollege, der über diese Fehler herzlich lachte, als ich ihn darauf ansprach, schien sich nicht darüber klar zu sein, dass das Wegradieren von Fehlern – nicht nur im Heft, sondern auch im Kopf des Schülers – keine gute Art des Lernens darstellt. Ein weiteres Problem war darin zu sehen, dass es immer wieder schwierig ist zu entscheiden, ob ein Nachfragen des Hörgeschädigten auf ein echtes Hörproblem zurückzuführen oder eher seiner Bequemlichkeit und Unaufmerksamkeit zuzuschreiben ist. Ich wurde bisweilen darauf angesprochen, dass meine Tochter zu häufig nachfragte. Aber eigentlich müsste es, so denke ich, einem pädagogisch tätigen Menschen klar sein, dass auch unsere hörgeschädigten Kinder ein Recht auf Normalität haben, das heißt also auch auf ein normales Quantum an Unaufmerksamkeit und Faulheit – obwohl für sie die Konsequenzen gravierender sind. Und wer sie beobachtet, wird schnell erkennen, dass ihnen die dem Normalhörenden selbstverständliche Fähigkeit des Nicht-hin-hörens und dennoch Mit-bekommens fehlt. Wenn sie etwas hören wollen, müssen sie es bewusst tun. Es gab und gibt natürlich auch Lehrer, die müde sind, für die ein Schüler angenehm ist, der nicht auffällig ist, die den äußerlich nicht als Behinderten erkennbaren Hörgeschädigten einfach mitlaufen lassen, es ist schließlich seine Sache, ob er mitkommt oder nicht. Und es gab die Einfühlsamen, die etwas von der Spannung sahen, der die hörgeschädigte Schülerin - und auch wir Eltern - ausgesetzt waren, und die versuchten, behutsam Hilfestellungen zu geben, das eigene Verhalten u.U. etwas selbstkritisch überprüften, die das Gespräch mit mir, dem Vater und Kollegen, suchten. Als durchaus fair empfand ich es auch, wenn jemand von vorneherein darauf hinwies, dass er oder sie z. B. aufgrund des eigenen Unterrichtsstils oder Sprechtempos einen Hörgeschädigten wohl überfordern würde. Wenn ich mich auch recht kritisch über das Verhalten meiner Kollegen geäußert habe, so ist mir dabei durchaus bewusst, dass ich Gefahr laufe, ungerecht zu sein, denn wenn ich mein eigenes Verhalten als Lehrer betrachte, dann muss ich mir eingestehen, dass ich bestimmte eigene Verhaltensweisen abstellen oder zumindest abschwächen müsste, wenn ich jemanden mit der Behinderung meiner Tochter zu unterrichten hätte, und das würde mir sicher nicht leicht fallen. Und natürlich ist auch kritisch zu überlegen, in wie weit Leistungsprobleme auf die Behinderung zurückzuführen sind und wo Begabungsprobleme zum Tragen kommen, wie sie auch bei Nichtbehinderten zu beobachten sind. Vielleicht waren also eine Reihe von derartigen Bemerkungen durchaus gerechtfertigt. Dass die Schule insgesamt eine positive Bilanz gezogen hat, wird auch daran deutlich, dass ein Jahr nach ihrem Abitur eine weitere hochgradig schwerhörige Schülerin zu den gleichen Bedingungen in eine 5. Klasse aufgenommen wurde. Und so sind wir den Kolleginnen und Kollegen, die unsere Tochter unterrichtet haben, sehr dankbar, denn ohne deren z.T. großes Engagement hätte sie sicher erhebliche Schwierigkeiten gehabt, das Abitur zu bestehen. Walter Sittig, Kassel |